Eine Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution
 Der in satirischer Absicht geprägte Begriff "Biedermeier" - entstanden aus dem Zusammenziehen zweier Spottfiguren, Bieder[mann] und [Bummel]meier (Gedichte von Victor von Scheffel 1848 und 1852), - stammt wiederum von einer literarischen Figur, dem Schulmeister Gottlieb Biedermaier (spätere Schreibweise Biedermeier). Erfunden wurde er von Ludwig Eichrodt (1827-1892) und Adolf Kußmaul (1822-1902). In den seit 1855 herausgegebenen "Fliegenden Blättern" veröffentlichten sie unter dem Pseudonym "Biedermeier" Spottgedichte auf den bürgerlichen Spießer, beziehungsweise auf die von ihren Vätern geprägte Zeit zwischen Wiener Kongreß (1815) und Märzrevolution (1848). In der 2. Hälfte des 19. Jhs. wurde der Spottname allgemein auf die nunmehr wenig geschätzte Kunst und Kultur des Vormärz übertragen.
 Nach 26 Jahren Revolution und Krieg herrschte wieder Frieden in Europa. Der Wiener Kongreß hatte mit dem Programm der Restauration die alte soziale und politische Ordnung wieder hergestellt. Spätestens nach den unter der Regie von Fürst von Metternich (1773-1815-1848-1859) festgelegten Karlsbader Beschlüssen, 1819, entstand in Österreich die düstere, furchteinflößende Atmosphäre eines streng geführten Polizei- und Überwachungsstaates, die bis in die Privatsphäre hinein reichte. Das gesprochene und geschriebene Wort (auch Musikalien) unterlag in Wien der scharfen Zensurschere der Sedlnitzky-Behörde. Den geistigen Repressalien antworteten die Wiener mit Satire, Tanzleidenschaft, Einrichten von unbeschreiblich luxuriösen Vergnügungsetablissements und mit einem in Europa einzigartig experimentellen Kunsthandwerk.
Erfindungen in Naturwissenschaft und Technik (Einführung der Gasbeleuchtung ab 1817; Bau einer Pferdeeisenbahn 1821; Ausbau der Donau-Dampfschiffahrt ab 1829; zunehmende Mechanisierung im bedeutenden Textil verarbeitenden Gewerbe) veränderten grundlegend die Lebensgewohnheiten in Wien. Die sich rasch entwickelnde Industrialisierung der Wiener Betriebe und die dadurch bedingte Zuwanderung Arbeitssuchender brachte eine gewaltige  Umstrukturierung der Gesellschaft mit sich. Aus Furcht vor revolutionären Umtrieben wurden auf Betreiben von Kaiser Franz. (II.) I. (1768 – 1804 – 1806 - 1835) und dessen Sohn Ferdinand I. (1793-1835-1848-1875) Fabriken, die zur Entstehung einer proletarischen Arbeiterschaft beitrugen, in die Provinz verlagert. Seit den 20er Jahren des 19. Jhs. vergrößerte sich die Kluft zwischen verarmten und vermögenden Bevölkerungsschichten. Dem Pauperismus - der Massenarmut der 30er Jahre - stand ein großes Luxusbedürfnis der wirtschaftlich Erfolgreichen gegenüber. Dem harten Alltagsleben zum Trotz und im Unterschied zu anderen europäischen Metropolen verband eine ungebrochene Lebenslust alle Gesellschaftsschichten Wiens. Sie äußerte sich in grenzenloser Begeisterung für das Theater, die Musik und die Mode, vor allem aber in einem dynamischen Bewegungsdrang (rasender Walzer und Galopp; Vergnügungsreisen mit der Pferdebahn, Achterbahnfahren ecc.).
Die unerträglichen sozialen Verhältnisse und die hoffnungslose Aussicht auf geistige Freiheit führten allerdings zu den blutigen Aufständen von 1848, die die Flucht des verhassten Fürst von Metternich ins Ausland zur Folge hatten und den Rücktritt von Kaiser Ferdinand I.
Lit.: Franz Elder, Wien im Biedermeier, Wien, 1978; Bürgersinn und Aufbegehren. Biedermeier und Vormärz in Wien 1815-1848, Ausst.Katalog des Historischen Museums der Stadt Wien, 17. Dezember 1987-12. Juni 1988; Biedermeier in Wien 1815-1848. Sein und Schein einer Bürgeridylle, Ausst.Katalog des Historischen Museums der Stadt Wien, 29.April-24. Juni 1990
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